Unspezifische Rückenschmerzen
Psychosomatische Rehabilitation bei chronischen Rückenschmerzen
Chronische Rückenschmerzen sind eine
große Herausforderung für die Gesundheitsversorgung. Häufig kommt es zu einer
langen Krankengeschichte mit Zusammenbruch
der Arbeitsfähigkeit. Reichhaltiger
Gebrauch von Schmerzmitteln kann zusätzliche
körperliche Schädigungen bewirken. Zunehmende körperliche Inaktivität und
depressive Stimmung belasten das Selbstwertgefühl. Es kann zu Konflikten mit
Familienangehörigen und im Beruf kommen. Häufig gibt es viele Therapieabbrüche
und Konflikte mit Ärzten und anderem medizinischen Personal. Chronische Rückenschmerzen
sind für lange Arbeitsunfähigkeitzeiten verantwortlich und häufigster Grund für
Frühberentungen. Wichtig kann als Hilfe beim Wiederanknüpfen am aktiven Leben
ein Aufenthalt in einer Rehabilitations-Klinik wie der Klinik am Homberg sein.
Unspezifische Rückenschmerzen: Definition
Im Vordergrund steht eine schon
mindestens 6 Monate anhaltende Rückenschmerzproblematik im Halswirbelsäulen-,
Brustwirbel- oder Lendenwirbelsäulenbereich, bei der sich keine Hinweise auf
eine knöcherne Erkrankung, keine entzündliche Ursache, kein Tumor, keine Gefäßmissbildung
und kein operationswürdiger Bandscheibenvorfall ergeben haben. In einem solchen
Fall spricht man von unspezifischen Rückenschmerzen. Diese können sogar von
Schmerzen, die in Arme und Beine ausstrahlen und von ausstrahlenden Kribbelgefühlen
und Taubheitsgefühlen begleitet sein, bei denen ein Neurologe zur Diagnosefindung unspezifischer Rückenschmerzen hinzugezogen werden
sollte. Unspezifische Rückenschmerzen haben mit Abstand den größten Anteil an
den gesamten Rückenschmerzen. Auch dann, wenn die
Untersuchungen nur diskrete körperliche auffällige Befunde
ergeben, die über Monate anhaltende Schmerzen nicht hinreichend erklären,
sprechen wir von unspezifischen Rückenschmerzen. Dann kann ein Gespräch
über Belastungen in der Familie
und am Arbeitsplatz wichtig werden. Solche Belastungen können gelegentlich erst
im Laufe von Gesprächen klarer werden.
Unspezifische Rückenschmerzen: Häufigkeit
Rückenschmerzen haben sich in den
meisten industrialisierten Ländern zu einem erstrangigen Gesundheitsproblem
entwickelt. Schätzungen ergeben, dass etwa 80 bis 90 % der Bevölkerung
westlicher Industrienationen mindestens einmal im Leben unter Rückenschmerzen
leiden. Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen. Der Beginn der
Beschwerden liegt meist im jüngeren bis mittleren Lebensalter. Bei 70 % der
Patienten kommt es zum wiederholten Auftreten von Rückenschmerzen mit Tendenz
zur Verlängerung und Intensivierung der Schmerzphasen.
Unspezifische Rückenschmerzen: Risikofaktoren
Als prognostisch ungünstige
Bedingungen, die zur Entwicklung von chronischen unspezifischen Rückenschmerzen
beitragen, haben sich in verschiedenen Studien folgende Belastungen erwiesen:
-
Unzufriedenheit
mit der Arbeit
-
Ärger
mit Kollegen oder Vorgesetzten
-
Gefühl
von Überforderung und Unterforderung durch die Arbeit
-
Zeitdruck
-
langes
Sitzen
-
Belastungen
im privaten Alltag, für die die Betroffenen keine Lösungsmöglichkeit
sehen
-
schwere
körperliche Arbeit insbesondere in rückenbelastenden Positionen vornüber
gebeugt und in einseitiger Haltung
All diese Faktoren stellen
Risikofaktoren für die Chronifizierung von Rückenschmerzen dar.
Unspezifische Rückenschmerzen:
Krankheitsentstehung
Wir müssen von verschiedenen
medizinischen Ursachen bei der Entwicklung chronischer Rückenschmerzen
ausgehen. Zum einen von der Aktivierung sensibler Endigungen in
Schmerzfasern, die Gelenke, Sehnen und Muskeln des Rückens versorgen.
Zum anderen von erhöhter Muskelanspannung der Rückenmuskulatur. Zum weiteren
von schwacher Muskulatur mit Labilisierung des Wirbelsäulengefüges.
Zum vierten von Schmerzwahrnehmung, die in Schmerzzentren des Gehirns
entsteht.
Unspezifische Rückenschmerzen: Einfluss
der individuellen Schmerzbewältigung
Zur Chronifizierung trägt das Vermeiden
aller körperlichen Aktivitäten bei. Dazu gehört der
Rückzug von beruflichen Aktivitäten, von Hausarbeit, Freizeitaktivitäten
und von Sport. Extremen Rückzug
bedeutet es, wenn der Betroffene mehrere Stunden tagsüber im Bett bleibt. Das Rückzugs-
bzw. Vermeidungsverhalten kann zwar kurzfristig zu einer Entlastung führen, spätestens
mittelfristig erlebt sich der Betroffene aber enorm in seinem Bewegungs- und
Handlungsradius eingeschränkt; dies kann als auslösender oder
aufrechterhaltender Faktor einer
Depression
fungieren.
Der Gegenpol zum Vermeidungsverhalten
sind Durchhaltestrategien. Dabei wird jeder Termin und jede Verabredung eisern
eingehalten, man ist um keinen Preis bereit, einmal eine Unternehmung abzusagen,
zu der man sich eigentlich nicht in der Lage fühlt. Man ist nicht gewohnt,
Pausen bzw. Phasen der Entspannung in seinen Tätigkeiten einzulegen. Wenn man
davon ausgeht, dass jeder Mensch letztlich Erholungszeiten braucht, um seinen
Alltagsanforderungen adäquat nachkommen zu können, kann man solch einen
„Raubbau“ am eigenen Körper natürlich nicht über Jahre hinweg ohne
Konsequenzen für Körper und Seele betreiben. Die chronifizierte
Schmerzsymptomatik signalisiert dann, dass der Betroffene sich psychisch und
physisch überfordert hat.
Extremes Vermeidungsverhalten und stark
ausgeprägtes Durchhaltevermögen sind wichtige Chronifizierungsfaktoren bei Rückenschmerzen.
Zur Verhinderung der Chronifizierung sind das rhythmische Wechseln und eine
Balance zwischen Anspannung und Entspannung wichtig.
Unspezifische
Rückenschmerzen: Einfluss
sozialer Belastungen
Zu den kritischen Altersgruppen, bei
denen häufig chronische, unspezifische Rückenschmerzen auftreten, zählen die
über 50-Jährigen und die Gruppe der 30 - 39-Jährigen. Risikofaktoren sind
Arbeiten, bei denen sich der Betroffene ohne Einflussmöglichkeiten auf die
Arbeitsabläufe passiv hinnehmend und ausgeliefert fühlt mit der Folge von
depressiver Stimmungslage. Risikofaktoren sind auch belastende Lebensereignisse
wie Tod eines nahen Angehörigen, Scheidung, Kränkungen, Erlebnisse, die mit
Gefühlen von Peinlichkeit und Scham verbunden sind. Vernachlässigung,
Misshandlung und Missbrauch in der Kindheit und Übergriffe, die im
Erwachsenenalter erlitten werden, können Auslöser von chronischen Rückenschmerzen
sein.
Unspezifische Rückenschmerzen: Therapie
In der psychosomatischen Rehabilitation
in einer Klinik ist die Berücksichtigung von körperlichen, seelischen und
sozialen Hilfsangeboten wichtig.
Die Klinik am Homberg, Bad Wildungen,
versucht nach einer individuell abgestimmten ärztlichen und
psychotherapeutischen Eingangsdiagnostik, über ihr (im Folgenden näher
beschriebenes) Behandlungsangebot jedem/r Patienten in seinen
Therapieerfordernissen (somatisch, psychotherapeutisch, medikamentös) gerecht
zu werden. Es wird ein individueller Therapieplan zusammengestellt, der –
falls indiziert – natürlich während des Aufenthaltes angepasst wird. Jede/r
Patient hat seinen betreuenden organmedizinischen Arzt und seinen
Psychotherapeuten. Ziel ist die Linderung der Schmerzsymptomatik und
Wiederaufnahme von selbstbestimmter Aktivität in Familie, Freundeskreis und
Beruf.
Geboten werden bei chronischen
unspezifischen Rückenschmerzen Sportgruppen wie
Wirbelsäulengymnastik, die Ball- und Bandgruppe, Wassergymnastik und
Ergometertraining auf einem Ergometerfahrrad. Die Krankengymnastikabteilung gibt
in der Rückenschule Informationen zur Anatomie der Wirbelsäule und der Rückenmuskulatur.
Einzelkrankengymnastik und Medizinische Trainingstherapie an Geräten gehören
zum Angebot.
In der physiotherapeutischen Abteilung
sind Massagen, Moorpackungen, Wannenbäder,
Wärmeanwendungen und Kurzwelle möglich.
Die
Eutonie fördert einen selbstfürsorglicheren
Umgang mit dem Körper, eine vertiefte Körperwahrnehmung auch des Rückens.
Bezüglich der Psychotherapie bietet
die Klinik am Homberg mit ihrem tiefenpsychologisch orientierten und
verhaltenstherapeutischen Konzept die Möglichkeit, beide Verfahren zu
kombinieren. Wenn ein(e) Patient in einem Verfahren bereits Vorerfahrungen hat,
können wir daran anknüpfen. Es gibt ein Gruppentherapieangebot, das durch
einzeltherapeutische Gesprächskontakte ergänzt oder – wenn erforderlich –
ersetzt werden kann.
Im Rahmen der
kognitiv-verhaltenstherapeutischen Schmerzbewältigungsgruppe wird ein
psychophysisches Modell zur Erklärung der Entstehungs- und
Aufrechterhaltungsbedingungen von chronischen Schmerzzuständen vermittelt.
Einflüsse von Kognitionen, Gefühlen, physiologischen Faktoren und Verhalten
auf die subjektive Schmerzwahrnehmung sowie Wechselwirkungen zwischen diesen
vier Ebenen werden erörtert. Im Weiteren werden Körperwahrnehmungsübungen
durchgeführt – mit dem Ziel einer differenzierteren Wahrnehmung des
Schmerzgeschehens – und Entspannungs- und Ablenkungstechniken geübt – mit
dem Ziel einer besseren Selbstfürsorge.
Als Entspannungstraining bieten wir
Progressive Muskelrelaxation nach Jakobson, das Autogene Training,
Atembiofeedback und Meditation an.
In der Gesprächsgruppe ist es möglich,
in Austausch mit anderen zu kommen, aus der Isolation herauszufinden und – über
die Reflexion der eigenen Lebensgestaltung und Belastungsfaktoren –
Handlungsoptionen zu erarbeiten. Oft wird entlastend erlebt, wenn sich auch
andere mit ihrem Leid zeigen und man aus Alleinsein und Einsamkeit heraustreten
kann. Bei starker Depressivität ist eine diesbezügliche medikamentöse
Therapie evtl. indiziert.
Kreativgruppen bieten wir als
Kunsttherapie, Musiktherapie und Bewegungstherapie an, um auch darüber den
versperrten Zugang zu innerem Erleben und Gefühlen zu erleichtern.
Beim beruflichen Kompetenztraining mit
dem Berufspädagogen werden Fähigkeiten zur Bewältigung von hohen
Arbeitsanforderungen erarbeitet. Die diesbezügliche Reflexion und Rückbesinnung
auf eigene Kompetenzen und Ressourcen wird häufig als große psychische
Entlastung erlebt; die erarbeiteten Handlungsoptionen können Zukunftsängste
deutlich reduzieren.
In der Ergotherapie ist das Einüben von
rückengerechtem Verhalten am PC-Arbeitsplatz möglich. Gedächtnistraining in
der Gruppe ist im Angebot.
Literatur:
-
Hasenbring, M. (2001):
Biopsychosoziale Grundlagen der Chronifizierung am Beispiel von Rückenschmerzen.
In: Zenz, M., Jurna, I. (Hg.): Lehrbuch der Schmerztherapie. Stuttgart
(Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft).
-
Hildebrandt, J., Schöps,
P. (2001): Schmerzen am Bewegungsapparat/Rückenschmerz. In: Zenz, M., Jurna
I. (Hg.): Lehrbuch der Schmerztherapie. Stuttgart (Wissenschaftliche
Verlagsgesellschaft).
-
Merkle, W., Egle, T.
(2001): Die somatoforme Schmerzstörung. Hessisches Ärzteblatt 10/2001,
498-504.
-
Pfingsten, M., Hildebrand,
J. (1998): Chronischer Rückenschmerz. Wege aus dem Dilemma. Bern ( Verlag
Hans Huber).
Dr. med. W. Rasbach
A. Meyer
Fachärztin für Neurologie
Psychologische Psychotherapeutin
und Psychiatrie, Psychotherapie
Ltd. Psychologin

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Aktualisiert:
Juli 2010
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